Monatsgedanke Juli 2020

Kintsugi – Mit Gold geflickt –

Manchmal haben zerbrechliche Dinge einen ganz besonderen Wert für uns. Wir verbinden etwas mit ihnen, dass sie in unseren Augen kostbar macht. Wenn sie kaputtgehen ist die Trauer groß und doch bleibt uns meistens nichts anderes übrig, als die Scherben zu entsorgen.

Als unsere Tochter in Japan lebte, ist sie auf Kintsugi gestoßen: Es ist ein sehr aufwändiges Verfahren, um Porzellan zu reparieren. Der Sage nach geht es auf Ashikaga Yoshimasa, einen Shōgun des 15. Jahrhunderts, zurück. Nachdem er eine seiner chinesischen Teeschalen aus Versehen zerbrach, schickte er diese zur Reparatur nach China – und wurde von dem endgültigen Ergebnis schwer enttäuscht. Daraufhin bat er japanischen Kunsthandwerkern, seine Lieblingsschale wieder ansehnlich zu machen. Das Ergebnis war Kintsugi: Die japanischen Kunsthandwerker setzten die Scherben wieder zusammen und verbanden sie mit einem besonderen Harz. Die Risse betonten sie mit Lack, dem sie Goldpigmente beifügten.

Bei Kintsugi geht es also nicht darum, den Bruch zu verstecken, sondern den Bruch so zu reparieren, dass der Makel betont und das Gefäss zu neuer Schönheit gebracht wird. Eine einst zerbrochene Teeschale ist damit nicht weniger wert als eine makellose, neue Schale.

Das Gegenteil ist der Fall: Kintsugi ist ein sehr zeitaufwändiges und teures Verfahren. Es erfordert mehrere Arbeitsschritte und eine große Kunstfertigkeit. Es wird mit Gold- und Silberpigmenten gearbeitet, Kleber und Lack sind sehr teuer. Eine zerbrochene Schale wird durch die aufwendige Restauration sehr kostbar. Entscheidend ist dafür aber nicht mehr der ursprüngliche Materialwert, sondern der Wert, den die Schale für ihren Besitzer hat. Sie ist kostbar, weil er sie erhalten möchte und viel Zeit oder viel Geld in sie investiert hat, um sie wieder herzustellen.

Wir sind in Gottes Augen wie Kintsugi-Schalen: Wir haben unseren Wert nicht dadurch, dass wir besonders gut, reich, schön oder perfekt sind. Wir sind kostbar, weil Gott uns einen Wert beimisst. Gott investiert unendlich viel Zeit und Liebe in uns, um uns heil zu machen. Weil er uns unbedingt behalten will und wir in seinen Augen kostbar sind, fügt er die Scherben unseres Lebens sorgfältig wieder zusammen. Wenn er unsere Verletzungen und unseren Schmerz heilt, dann bleiben die Risse zwar sichtbar, aber er überdeckt die Makel mit dem Gold seiner Gnade. Egal, was die Welt über uns denkt oder sagt: In seinen Augen sind wir kostbar.

Dagmar Hees

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